Sehen statt Hören Transgender · Im falschen Körper geboren

Sa, 07.11.  |  9:10-9:40  |  HR
Untertitel/VT Gebärdensprache Stereo 
Über 60 Jahre lang verdrängt Margrit ihren sehnlichsten Wunsch, ein Mann zu sein. Nur beim Fasching kann sie ihre Sehnsucht ausleben.

Über 60 Jahre lang verdrängt Margrit ihren sehnlichsten Wunsch, ein Mann zu sein. Nur beim Fasching kann sie ihre Sehnsucht ausleben.

Schon im Kindergarten hat die kleine Margrit lieber mit den Buben gespielt. Holzgewehre und Fußballspielen standen bei ihr viel höher im Kurs als Puppen.
Doch sie wächst in einem strengen Elternhaus auf – und als sie ihren Eltern dann mit acht Jahren erzählte, sie wäre lieber ein Bub, fiel die Antwort der Mutter ganz klar aus: „Gott hat Dich so geschaffen.“ Für Margrit eine große Enttäuschung. Doch das Verlangen, ein Bub zu sein, blieb trotzdem riesig – und so fragte sie sogar ihre Mitschüler, wie sie wohl ein Junge werden könnte. Die waren ratlos.

Das einzige Ventil in all der Zeit war für Margrit der Fasching.

Margrit heiratete 1973 einen Mann. Schon alleine, um dem Elternhaus zu entfliehen. Die Ehe hält 44 Jahre. Doch einfach war das nicht. Denn ihr großes Verlangen, ein Mann zu sein, lässt sich nicht komplett unterdrücken.

63 Jahre lang hat Margrit gegen ihr Bedürfnis gekämpft. 2018 lernte sie Claudia kennen. Ihre Traumfrau, ihre große Liebe. Und ihr Durchbruch. Fast ein ganzes Leben lang verdrängte Margrit ihren sehnlichsten Wunsch, ein Mann zu sein. Mit Claudia an ihrer Seite ist sie dafür stark genug. Endlich.

Doch ganz so schnell ging es dann natürlich doch nicht: Als erstes musste Bruno zu einer Therapie. Der Rat der Therapeutin war zunächst, Männerkleidung im Alltag zu tragen.

Auch Pfarrer Sauer und Maggie sind wichtige Vertrauenspersonen für Bruno. Er kennt sie aus seiner langjährigen Zugehörigkeit zur evangelischen Gehörlosengemeinde Schweinfurt, bei der er auch Gemeindesprecher ist. Dort hat er sich Anfang 2020 als Transmann geoutet. Leicht gefallen ist es ihm nicht und hätten Brunos Eltern noch gelebt, hätte er es sich nicht getraut. So war die Akzeptanz in seinem Umfeld aber groß.

Doch der Weg ist mit dem Coming-Out noch lange nicht zu Ende. Denn selbst wenn ihn viele zu diesem Zeitpunkt schon Bruno nennen, so ist sein Name auf dem Papier, auf offiziellen Dokumenten immer noch Margrit. Und er ist eine Frau. Die Anpassung von Namen und Geschlecht hat auf dieser Ebene noch nicht stattgefunden. Dafür müssen bestimmte Kriterien erfüllt sein. Neben mehreren ärztlichen Gutachten gehört auch ein ausführlicher Lebenslauf dazu. Und der weist traumatische Erlebnisse auf. Psychotherapeutin Ramona Tanjala begleitet Bruno auf diesem Weg. Mit Erfolg. Das Gericht erkennt Bruno als Mann an. Ein Gänsehautmoment. Erst mit Ende 60 wird aus Margrit Bruno.

Doch nicht nur auf dem Papier, sondern auch optisch wird Bruno immer männlicher: Alle drei Monate bekommt er eine Hormonspritze. Das nimmt Bruno körperlich mit – und trotzdem freut er sich, dass er zusehends zum Mann wird: Flaum wächst am Kinn, die Schultern werden breiter, der Körperbau stärker. Nur der Busen wird und wird nicht weniger.

Doch findet Bruno durch all diese „Äußerlichkeiten“ auch seine Identität als Mann? Das ist die schwierigste Aufgabe – die Frage zu beantworten „Was heißt es, ein Mann zu sein?“. Dieser Frage geht Bruno zusammen mit seiner neuen und ebenfalls gehörlosen Therapeutin Annika Atzert nach.

Ob und wann Bruno die weibliche Brust abgenommen wird, das steht im Moment noch nicht fest. Doch es ist und bleibt sein großer Wunsch. Seinen allergrößten Wunsch hat sich Bruno schon erfüllt: Er hat sich mit seiner Claudia verlobt. Mit dem kirchlichen Segen seiner Glaubensgemeinde.

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