Das Wort zum Sonntag spricht Alexander Höner, Berlin

Sa, 07.11.  |  23:50-23:55  |  Das Erste
Untertitel/VT Stereo 
"Zerbrechlich schön" - Das Leben ist wunderschön und gleichzeitig erschreckend zerbrechlich. Um das auszuhalten, braucht Pfarrer Alexander Höner seinen Glauben und die Bilder und Worte des gerade verstorbenen Autors und Illustrators Janosch.

"Zerbrechlich schön" - Das Leben ist wunderschön und gleichzeitig erschreckend zerbrechlich. Um das auszuhalten, braucht Pfarrer Alexander Höner seinen Glauben und die Bilder und Worte des gerade verstorbenen Autors und Illustrators Janosch.

Herr Janosch, wie bekommt man sein Leben in den Griff?
»Man muss das Richtige richtig machen, wenn es darauf ankommt. Wenn es regnet, dann sucht man sich ein Dach über dem Kopf. Schon wird man nicht mehr nass.«

Der Schriftsteller und Illustrator Janosch ist am Dienstag gestorben und für mich fühlt es sich so an, als wenn einer aus der Familie gestorben ist. So hat er sich mit seinen Bildern und Worten in mein Herz gemalt und geschrieben. Einfach und tiefsinnig. Leuchtend gelb und blau, schwarze Tintenstriche verschmiert mit bunten Tuschfarben. Gestreifte Latzhose. Und natürlich Bär und Tiger.
»O Bär«, sagt der Tiger, »ist das Leben nicht unheimlich schön, sag!« – »Ja«, antwortet der kleine Bär, »ganz unheimlich und schön.
Wie wahr, das Leben ist schön. Und im nächsten Moment ist es plötzlich ganz unheimlich: „Du, Alexander, die haben bei Maik zwei Tumore in der Leber gefunden. Da kann man doch vom Glauben abfallen. Er, der so gesund lebt.“ Ich starre auf die WhatsApp-Nachricht meiner Sandkastenfreundin. „Das gibt’s doch nicht“, denke ich. Von einem Moment auf den anderen kann sich alles verändern. Und alles tritt dahinter zurück. Alles, womit man sich sonst so beschäftigt und ablenkt. Nicht mehr so wichtig, weil der liebste Mensch, den man hat, plötzlich schwer krank ist. Der Abgrund tut sich auf – unheimlich.

Was schreibe ich ihr zurück? Jeder Satz klingt so banal, so falsch. Ich tippe, ich lösche, ich tippe erneut: „Das ist ja richtig großer Mist und wirklich überhaupt nicht zu kapieren“ schreib‘ ich. „Ich denk‘ an Euch und hab‘ Euch in meinem Abendgebet.“ Senden. Mit flauem Gefühl im Bauch.

Am selben Abend sehe ich noch einen traurig-schönen Film, sitze auf dem Sofa und Tränen laufen mir über‘s Gesicht. Erst die Nachricht meiner Freundin, dann der Film und jetzt denke ich: wie Recht hat doch der kleine Bär. Das Leben ist schön und gleichzeitig ganz unheimlich, ganz unheimlich und zerbrechlich. Das macht mir Angst.

Ohne meinen Glauben würde mich das kaputt machen: Dass von einem Moment zum anderen plötzlich alles anders wird, ein liebster Mensch todkrank wird. Das hält doch keiner aus. Also jedenfalls ich halte das nicht aus. Ich brauch‘ meinen Glauben. Ich bin nicht allein unterwegs. Eine große liebende Kraft umgibt mich. Und diese Kraft weiß selbst, was es bedeutet Mensch zu sein, Gott geht mit mir da durch – durch dieses schöne und unheimliche, zerbrechliche Leben. Und verspricht mir, dass wir uns am Ende alle wiedersehen werden.

»O Bär«, sagt der Tiger, »ist das Leben nicht unheimlich schön, sag!« – »Ja«, antwortet der kleine Bär, »ganz unheimlich und schön.« Danke, Janosch. Ich wünsche Ihnen eine behütete Nacht und Gottes Segen für die neue Woche.

in Outlook/iCal importieren

Mediatheken für Das Erste:

ARD Mediathek und Livestream one.ard Mediathek

Senderinfos zu Das Erste:

Das Erste der ARD – Kontakt & Infos