Musikverein Festival 2026 Thomas Adès am Pult des RSO
Do, 11.06. | 19:30-21:00 | Ö1
Es ist ein langes Leben, auf das der Komponist György Kurtág zurückblicken kann: Am 19. Februar 2026 hat er seinen 100. Geburtstag gefeiert. Das ORF Radio-Symphonieorchester Wien würdigt den großen Komponisten des 20. und 21. Jahrhunderts mit der Aufführung seines Doppelkonzerts op. 27/2 für Violoncello, Klavier und zwei Kammerensembles.Zahlreiche musikalische Begegnungen prägen Kurtágs Werk im Lauf der Jahrzehnte. Seine Freundschaft mit György Ligeti, der künstlerische Austausch mit Luigi Nono, Pierre Boulez und anderen Mitgliedern der sogenannten westlichen Avantgarde finden in den Werken des Komponisten, der sein gesamtes künstlerisches Leben in seinem Heimatland Ungarn verbringt, breiten Niederschlag. Einer seiner wichtigsten und frühesten musikalischen Wegweiser ist Béla Bartók: „Meine Muttersprache war Bartók, und Bartóks Muttersprache war Beethoven.“ Von 1987 bis 1990 entstehen mit dem Opus 27/1 und 27/2 zwei Werke, die sich nicht nur in ihrer Opuszahl direkt auf Beethoven beziehen: Quasi una fantasia . für Klavier und Instrumentengruppen, titelgleich mit Beethovens Klaviersonate Nr. 13 in Es-Dur, Opus 27/1, und das Doppelkonzert für Violoncello, Klavier und zwei Kammerensembles, das in Beethovens berühmter Klaviersonate Nr. 14 in cis-Moll (Mondscheinsonate) Opus 27/2 sein Gegenüber findet.Während Beethoven in seinem Opus 27 die bisher bekannte Sonatenform überwindet und sich eine freiere musikalische Sprache erschließt, überschreitet Kurtág im Opus 27 selbst gesetzte Grenzen. Viele Jahre auf Miniaturformen und kleine Besetzungen konzentriert, zählen die Werke des Opus 27 zu den ersten, in denen er sich einer größeren Besetzung zuwendet: Zwei im Raum verteilte Kammerensembles korrespondieren mit den beiden Soloinstrumenten. Obwohl Kurtág mit der Wahl der Besetzung die bisherige Miniaturform hinter sich lässt, bleibt er seiner Klangsprache treu: Hoch konzentrierte, fragmentierte Abschnitte, abrupte Wechsel in der Dynamik und ein hohes Maß an Spannung und emotionaler Ausdruckskraft. Mit dem Cello wählt Kurtág neben dem Klavier für dieses Werk ein Instrument, das für seinen besonderen Klangreichtum bekannt ist.Diese Qualität macht sich auch Thomas Adès zunutze, der an diesem Abend nicht nur als Dirigent, sondern auch als Komponist mit seinem Werk Lieux retrouvés in Erscheinung tritt – und das Cello zum Zeichnen ganzer Landschaften verwendet: „Ich weiß nicht, warum ausgerechnet das Cello unter allen Instrumenten beim Hören das Gefühl von ,anderswo’ hervorruft“, so Adès. „Vielleicht liegt es daran, dass die Klangfarben so reich und vielfältig sind, dass man zu träumen beginnt und sich an einem anderen Ort wiederfindet.“ An vier Orte führt der Komponist in Lieux retrouvés: In Les eaux lässt er sanfte Wellen zu einer Wasserflut anschwellen; in „La montagne“ erklimmen Wanderer im zähen Aufstieg einen Berg, in „Les champs“ steigt der Atem wilder Tiere auf einem friedlichen Feld in den Nachthimmel auf und in „La ville“ erklingen die entfesselten Rhythmen der Großstadt.Als Cellosolist ist der international erfolgreiche und stilistisch vielseitige Nicolas Altstaedt zu hören, der mit Kurtágs dichter Klangsprache ebenso vertraut ist wie mit der bildhaften Ausdruckskraft von Thomas Adès.Text: Anna Jagenbrein
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