3satDokumentarfilmzeit

Die Möllner Briefe Dokumentarfilm von Martina Priessner, Deutschland 2025

Mo, 30.11.  |  22:25-0:05  |  3sat
Untertitel/VT  Dokumentarsendung/Feature Länge: 100 Min.

Im November 1992 zerstörten die rassistischen Brandanschläge von Mölln das Leben von İbrahim Arslan und seiner Familie.

Der damals siebenjährige İbrahim überlebte, verlor aber seine Schwester, seine Cousine und seine Großmutter. Eine Welle der Anteilnahme und der Solidarität folgt, ausgedrückt auch in zahlreichen Briefen. Doch diese erreichten die Hinterbliebenen nicht.

Der Dokumentarfilm "Die Möllner Briefe" folgt İbrahim bei der Entdeckung dieser Briefe, die jahrelang im Archiv der Stadt Mölln lagerten und erst jetzt an die Familien übergeben wurden. Zugleich zeichnet der Film ein komplexes Porträt des anhaltenden Traumas, das İbrahim und seine Geschwister bis heute beeinträchtigt. İbrahim hat einen Umgang mit den Geschehnissen gefunden, indem er aktiv gegen Rassismus kämpft und sich für eine Erinnerungskultur einsetzt, die die Opfer ins Zentrum stellt. Sein Bruder Namık hingegen befindet sich noch am Anfang seines Wegs der Bewältigung.

Die Anschläge auf zwei Wohnhäuser in Mölln waren die ersten rassistischen Angriffe im wiedervereinigten Deutschland, bei denen mehrere Menschen verletzt wurden und die drei Menschen das Leben kosteten: die zehnjährige Yeliz Arslan, die 14-jährige Ayşe Yılmaz und die 51-jährige Bahide Arslan.

Der Dokumentarfilm beleuchtet nicht nur die Erfahrungen der Überlebenden, er zeigt auch die große Solidarität, die es damals gab - eine Solidarität, von der die Opfer lange nichts wussten. Er schlägt eine Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart und nimmt eine Perspektive des Erinnerns ein, die den Stimmen der Betroffenen Raum gibt.

Statement der Regisseurin Martina Priessner: "Als ich İbrahim Arslan 2020 kennenlernte, wusste ich bereits, wer er war. Die rassistischen Brandanschläge in Mölln hatten mich als 23-Jährige erschüttert. Rassismus, Antisemitismus, die Kontinuitäten des Rechtsterrorismus in Deutschland, die staatliche und gesellschaftliche Ignoranz gegenüber rechtsextremen Netzwerken und die Abwesenheit von Empathie mit den Opfern sind für mich bis heute zentrale Themen. İbrahim Arslan ist eine wichtige Stimme in Deutschland, vor allem wenn es darum geht, Betroffene zu ermutigen, ihre Stimme zu erheben. Seine eindringliche Botschaft, dass die Opfer Zeug*innen ihrer eigenen Geschichte sind und nicht zu bloßen Statisten degradiert werden dürfen, hat entscheidend dazu beigetragen, die Erinnerungskultur in Deutschland zu verändern.

'Die Möllner Briefe' stellt eine grundsätzliche Frage: Was bedeutet Solidarität, wenn sie die Betroffenen nicht erreicht? Und was sagt das über unseren gesellschaftlichen Umgang mit rassistischer Gewalt und Erinnerung aus? Die Erfahrung, die der Film sichtbar macht, ist klar: Solidarität war vorhanden - doch sie ist bei vielen Betroffenen nicht angekommen. Diese Perspektive erzählen die Überlebenden selbst. Es geht nicht um Schuldzuweisungen. Es geht um Verantwortung. Und um die Frage, wessen Erfahrungen im Zentrum unserer Erinnerung stehen. Ich wünsche mir, dass die Diskussion über den Film dazu beiträgt, den Blick stärker auf die Perspektiven der Betroffenen zu richten – und ihnen zuzuhören."

Martina Priessner studierte Sozial- und Kulturwissenschaften an der Humboldt-Universität zu Berlin und arbeitet als freie Filmemacherin und Autorin in Berlin. Ihr Dokumentarfilmdebüt "Wir sitzen im Süden" (ZDF/Das Kleine Fernsehspiel) wurde 2010 auf dem "Internationalen Leipziger Festival für Dokumentar- und Animationsfilm" uraufgeführt und war 2011 für den Grimme-Preis nominiert. Ihr Dokumentarfilm "Die Wächterin" feierte im Oktober 2020 Premiere bei "DOK Leipzig" und wurde mit dem Dokumentarfilmpreis des Goethe-Instituts ausgezeichnet. "Die Möllner Briefe" wurde auf der Berlinale 2025 mit dem Amnesty-Filmpreis und dem "Panorama Publikums-Preis" ausgezeichnet und erhielt 2025 den "Roman Brodmann Preis".

3sat zeigt "Die Möllner Briefe" als Erstausstrahlung, anlässlich des Jahrestages des Brandanschlags in Mölln in der Nacht vom 22. auf den 23. November 1992.



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