Lebenskunst – Begegnungen am Sonntagmorgen Dem Leben auf der Spur

So, 27.09.  |  7:05-8:00  |  Ö1
Die Ermöglicherin – Die Golser Pfarrerin Iris Haidvogel +++ Abschied nach 20 Jahren an der Spitze – Gerhard Weißgrab, Präsident der Österreichischen Buddhistischen Religionsgesellschaft +++ Malen, um zu verstehen – Die Künstlerin Erna Rosenstein und ihr lebenslanger Kampf gegen das Trauma +++ Aspekte der Bibel (Matthäus 21,28-32)

Die Ermöglicherin – Die Golser Pfarrerin Iris Haidvogel"Sobald man da hinaufkommt, merkt man einfach plötzlich, was das für eine Gegend ist und wie sich da die Welt auffaltet." Mit diesen Worten beschreibt die 44-jährige evangelische Pfarrerin Iris Haidvogel ihren Rückzugsort in den burgenländischen Weinbergen von Gols, wo sie beim Laufen Abstand vom herausfordernden Berufsalltag findet. Seit 16 Jahren ist sie Teil der dortigen – mehrheitlich evangelischen – Dorfgemeinschaft, wobei ihr die offene, wertschätzende Arbeit mit Jugendlichen stets eine besondere Herzensangelegenheit war. Als überzeugte „Ermöglicherin" gab sie auch unkonventionellen Ideen Raum und bot so auch dem späteren Song-Contest-Teilnehmer Cosmo (Benjamin Gedeon) eine erste Bühne im Golser Gottesdienst. Obwohl ihr der Abschied schwerfällt, hat sie die Konfirmandenarbeit nun bewusst an die jüngere Generation übergeben. Kommenden Dezember wird sie sich zur Wahl als Oberkirchenrätin der Evangelischen Kirche stellen. Mariella Kogler hat sie besucht.Abschied nach 20 Jahren an der Spitze – Gerhard Weißgrab, Präsident der Österreichischen Buddhistischen Religionsgesellschaft"Wir sehen die Dinge nicht so, wie sie wirklich sind, sondern immer so, wie wir sie haben wollen.“ Mit dieser Einsicht beschreibt Gerhard Weißgrab das Fundament seiner Praxis nach einer 20-jährigen Amtszeit an der Spitze der Österreichischen Buddhistischen Religionsgesellschaft (ÖBR). Zwei Jahrzehnte lang prägte er den Buddhismus in Österreich maßgeblich mit. Angesichts aktueller gesellschaftlicher Krisen und digitaler Shitstorms plädiert Weißgrab für den „Weg der Mitte“, um Extremen mit Mitgefühl, Weisheit und Gleichmut zu begegnen. Diese Werte fordern für ihn auch im Alltag konsequente Schritte, wie den Verzicht auf Fleischkonsum aus, wie er meint, „tiefem Mitgefühl mit allen fühlenden Wesen.“ Mit dem Ende seiner Präsidentschaft beginnt für ihn nun ein neuer Lebensabschnitt, der im heimischen Garten mehr Raum für die eigene spirituelle Praxis bietet. Das bewusste Loslassen und Annehmen unveränderlicher Dinge begreift er dabei als die letztlich größte Herausforderung des menschlichen Lebens. – Gestaltung: Gundi LamprechtMalen, um zu verstehen – Die Künstlerin Erna Rosenstein und ihr lebenslanger Kampf gegen das TraumaDie Ausstellung „Jenseits der Stille“ im Wiener Belvedere widmet sich dem Werk der polnischen Surrealistin Erna Rosenstein (1913-2004), deren Biografie untrennbar mit Österreich und der Shoah verknüpft ist. Nach ihrem Studium an der Wiener Frauenakademie in den 1930er-Jahren überlebte die jüdische Künstlerin den Holocaust im Versteck, während ihre Eltern ermordet wurden. Dieses beständige Trauma prägte ihr gesamtes Schaffen, das sich von düster-expressiven Nachkriegsfiguren hin zu einem lichten Surrealismus entwickelte. Inspiriert von Sigmund Freuds Traumdeutung und Wassily Kandinskis Schriften über das Geistige in der Kunst, suchte sie in ihren feinfühligen Gemälden und Assemblagen nach Wegen der Verarbeitung. Ihre Kunst, in der die Gesichter der Eltern als schützende Erinnerung omnipräsent bleiben, entsprang einer tiefen inneren Notwendigkeit und fungierte als spiritueller, heilsamer Akt. Laut der Kunsthistorikerin Gretchen Simms diente das kreative Schaffen Rosenstein letztlich auch dazu, sich selbst besser kennenzulernen, und zu verstehen, warum gerade sie überlebt hat. Brigitte Krautgartner hat mit Simms die Ausstellung besucht.Worten müssen Taten folgen – Aspekte der Bibel (Matthäus 21,28-32)Lippenbekenntnisse genügen nicht, es müssen Taten folgen, das ist für die katholische Theologin, Religionssoziologin und Präsidentin des Koordinierungsausschusses für christlich-jüdische Zusammenarbeit, Regina Polak die Kernaussage jener Bibelstelle, die an diesem Sonntag in katholischen Gottesdiensten als Evangelium gelesen wird. Mit einem Gleichnis antwortet Jesus von Nazareth auf die Fragen seiner Gegner aus den Reihen der Hohepriester und Ältesten, Usus in jüdischen Streitgesprächen. „Die Zöllner und Dirnen gelangen eher in das Reich Gottes als ihr“, sagt er und fordert sie auf, ihr Leben an Gottes Geboten auszurichten. Für die Theologin ist die Aussage brandaktuell: Ein Drittel der Befragten der Studie „Was glaubt Österreich“ sei der Ansicht, Österreich sei ein christliches Land. Regina Polak fragt sich, ob die Menschen auch bereit sind, das eigene Leben im Sinn des christlichen Glaubens zu ändern.

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