Diagonal „Ich möchte seicht sein!“ Diagonal zum 80. Geburtstag von Elfriede Jelinek

Sa, 17.10.  |  17:05-19:00  |  Ö1
„Ich will kein Theater!“ schreibt Elfriede Jelinek 1983 in ihrem programmatischen Text „Ich möchte seicht sein!“. Damals formuliert Jelinek einen Gründungstext des postdramatischen Theaters. Längst verfasst die Literaturnobelpreisträgerin keine klassischen Theatertexte mit Regieanweisungen, Figuren und Dialogen mehr. Im August 2026 wurde Elfriede Jelineks Stück „Unter Tieren“ bei den Salzburger Festspielen uraufgeführt. Es sind Nachrichten aus dem posthumanen Zeitalter. Denn, so die Autorin in einem Brief an ihren Haus- und Hofregisseur Nicolas Stemann, in ihrem letzten Stück sollen nur noch Tiere sprechen.

Früher begegnete man ihr bisweilen in den Straßen von Wien. In der S-Bahn, die von Hütteldorf in die Innenstadt fährt. Sie saß im Café Bräunerhof, oder vertiefte sich im nicht minder traditionsreichen Café Korb in eine Zeitung. Das Haar trug sie stets zu einer kunstvollen Tolle frisiert. Die Adidas-Jacke kombinierte sie zu sportlichen Sneakers. Elfriede Jelinek war eine Erscheinung. Ist sie es immer noch? „Mit all meiner kostbaren Kleidung, diesen Haufen und Haufen von Stoff, bestehend aus reinen Grundlinien, von denen aus all die Pässe, die Treibbälle gespielt werden, gut gezielt, aber nur einmal, nein, zweimal wirklich gut getroffen, mit all diesen Fetzen, bald flächig, bald voluminös gebauscht, will ich vortäuschen, ich hätte darunter gar keinen Körper.“, schreibt Elfriede Jelinek im Theatermonolog „Jackie“, in dem die tote Jaqueline Kennedy-Onassis aus dem Jenseits spricht. Ein Gespenst. Eine Untote. Die einstige First-Lady spukt durch den Text. Sie kommt nicht zur Ruhe, weil sie nie in sich selbst ruhen durfte, weil der weibliche Körper zumindest bei Elfriede Jelinek immer zur Einschreibfläche patriarchalischer Macht wird. Jelineks Texte sind Zeitzeugnisse, die mit seismographischer Präzision jenen Moment festhalten, in dem das Heimelige ins Unheimliche kippt, das sie – wo sonst! – in Österreich findet. Gespenster gehen um in den Texten Elfriede Jelineks. Untote, Zombies, Vampire bevölkern ihre sprachgewaltigen Textplateaus. Die österreichische Geschichte gerät unter Elfriede Jelineks Blick zum Gespensterszenario. Die Toten. Sie kehren zurück als Untote und sind das Sinnbild einer Vergangenheit, „die nie ganz tot ist und aus der immer die Hand aus dem Grabe wächst.“ 1995 erscheint der Roman „Die Kinder der Toten“. Ein Kondensat der Jelinek´schen Motivik. Ein Gespensterroman. Die Toten des Holocaust, die eilig verscharrt wurden, suchen uns wieder heim. Die Hauptfiguren des Romans sind samt und sonders Untote, blutrünstige Alpenzombies. Jelineks Figuren werden nicht psychologisch ausgeleuchtet. Die Schauspieler werden vielmehr zu körperlichen Gefäßen, die Diskursflächen deklamieren – Plattitüden, gefährliches Halbwissen, Alltagsweisheiten in portionierten Häppchen. Denn es ist die Sprache, die in Elfriede Jelineks Stücken die Hauptrolle spielt. In ihren jüngeren Theatertexten hat die Schriftstellerin die Dialogstruktur gänzlich aufgegeben. Sie selbst spricht despektierlich von ihren „Textwürsten“, die sie als kongeniale Partnerin des Regietheaters dem Regisseur hinwirft. Und besonders häufig wirft sie diese dem deutschen Regisseur Nicolas Stemann hin. Er gilt seit Jahren als Jelineks Lieblingsregisseur. Zuletzt inszenierte er bei den Salzburger Festspielen 2026 Jelineks aktuelles Stück „Unter Tieren“, womöglich das letzte Stück der Literaturnobelpreisträgerin. Mit Beiträgen von Wolfgang Seibel, Peter Zimmermann, Thomas Miessgang, Klaus Kastberger, Daniela Strigl und Andrea Hauer.

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