Gedanken für den Tag Die Genialität der Randfiguren

Di, 11.08.  |  6:57-7:00  |  Ö1
Christian Herret, Pressereferent der Dreikönigsaktion der Katholischen Jungschar, zum 100. Geburtstag von René Goscinny

Es gibt ein Foto von mir als Kind auf dem Klo mit einem Asterix-Heft in der Hand. Ein typischer Streich meiner Schwester, mich so zu fotografieren. Alle in der Familie haben gewusst, dass ich die Tür nie absperre – aus Angst, das Schloss nicht mehr aufzubekommen. Das Klo ist damals auch mein Rückzugsort gewesen. Wir waren fünf Geschwister und wohnten mitsamt Eltern und Großeltern in einem kleinen Haus. Platz für Privatsphäre hat es nicht gegeben. War der Trubel zu groß, habe ich mich aufs WC geflüchtet – in mein persönliches gallisches Dorf, meine Oase der Stille zurückgezogen. Lesen konnte ich noch nicht, also habe ich mir lange jedes Detail der Zeichnungen angeschaut. Bis heute fasziniert mich, wie liebevoll Goscinny und Uderzo mit ihren Nebendarstellern umgehen. In „Das Geschenk Cäsars“ stürzt Häuptling Majestix wie so oft von seinem Schild. Sein gefiederter Helm landet im Staub – und prompt verliebt sich ein vorbeilaufendes Huhn unsterblich darin und beginnt, den Helm glühend zu umwerben. Eine leise Fußnote der Geschichte, die mir bis heute im Gedächtnis blieb.Als ich dann lesen konnte, hat sich mir durch die feinen, doppelbödigen Dialoge eine weitere Welt eröffnet. Der leise Humor hat mich Geschichte gelehrt und sogar mein politisches Bewusstsein geformt:Wenn der „lesende Arbeiter“ in Brechts Gedicht fragt: „Cäsar schlug die Gallier. Hatte er nicht wenigstens einen Koch bei sich?“ Dann kennt der Asterix-Leser die Antwort: Oh ja, das hatte er. Und nicht nur den. Es waren Heerscharen von namenlosen, chronisch erschöpften und geschundenen, wieder und wieder verprügelten Legionären nötig, sein Imperium zu errichten. Lange bevor ich das intellektuell greifen konnte, hat mich Goscinny verstehen lassen, wie die Welt funktioniert: dass die großen Erzählungen der Mächtigen ohne die Statisten im Hintergrund völlig ins Leere laufen.Das ist das eigentliche Geschenk meiner alten Klolektüre: Sie schärft den Blick für das Unscheinbare. Für die Figuren am Rande, die oft übersehen werden. Denn die Genialität der Geschichte des Lebens, schreiben die Randfiguren, selten die Mächtigen.

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