Gedanken für den Tag Ivan Illichs Modell einer konvivialen Gesellschaft
Di, 01.09. | 6:57-7:00 | Ö1
Wenn Systeme, Prozesse und Technologien eine gewisse kritische Schwelle überschreiten, werden sie kontraproduktiv und richten sich gegen den Zweck, für den sie geschaffen wurden. Zugleich aber gehört es zu ihrer inneren Logik, sich zu erweitern, sie entwickeln eine Eigengesetzlichkeit, die sie unkontrollierbar werden lässt. Damit werden sie zum Instrument von Herrschaft, zum Machtfaktor.Diese Dynamik beschreibt Ivan Illich schon in den 1970er Jahren, in seiner fundamentalen Analyse des industriell-technologischen Systems. Und er entwirft ein Gegenmodell, „Tools for conviviality“, eines seiner bekanntesten und vielfach übersetzten Bücher, auf Deutsch unter dem Titel „Selbstbegrenzung“ erschienen. Darin skizziert er die Leitlinien einer „konvivialen Gesellschaft“ als lebensgerechter und ökologisch nachhaltiger Alternative. Zentrale Grundlage der Konvivialität sei ein – wie Illich es mit Berufung auf Leopold Kohr nennt – „menschliches Maß“. Technologien, Produktionsweisen, Institutionen, die gesamte gesellschaftliche Organisation seien so zu gestalten, dass sie menschliche Unabhängigkeit, Würde und Gemeinschaft befördern. Es gelte, so Illich, einen ethischen Wert an die Stelle eines ökonomischen oder technischen Werts zu setzen. Illichs Verständnis von Konvivialität bedeutet eine Verabschiedung der grundlegenden Prinzipien kapitalistischer Herrschaftsweise. Zugleich weiß er um die realen Machtverhältnisse, mehrfach gesteht er seine Ohnmacht ein: „Ich habe radikal die Politik der Ohnmacht gewählt (.), ich erlebe sie tief“ – ein Satz, der mir nahe geht. Ohnmacht aber bedeutet kein Einverständnis, sondern die Entscheidung, jedenfalls die eigenen Lebenswelten konvivial zu gestalten und sich den Anforderungen und Logiken der uns bestimmenden Ordnungen so weit als möglich zu entziehen. „Selbstbegrenzung“ als Geste des Widerstands und als Akt der Freiheit.
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