Vom Leben der Natur Leben im Zerfall

Di, 09.06.  |  8:55-9:00  |  Ö1
Die Waldinsektenforscherin Sigrid Netherer beobachtet die sechsbeinigen Bewohner im Totholz.

Totholz gehört zu den prägenden Bestandteilen naturnaher Wälder. Es entsteht, wenn Bäume und Sträucher durch Alter, Sturm, Trockenheit, Feuer oder andere Einflüsse absterben und als stehende oder liegende Stämme im Wald verbleiben. Was auf den ersten Blick nach Zerfall aussieht, erfüllt wesentliche ökologische Funktionen: Totholz speichert Wasser, bindet über längere Zeit Kohlenstoff und führt Nährstoffe schrittweise wieder dem Boden zu. Damit schließt es Kreisläufe, ohne die Waldökosysteme langfristig nicht bestehen könnten. Gleichzeitig verändert sich Totholz fortlaufend – vom frisch abgestorbenen Stamm bis zum stark zersetzten, bereits in den Boden übergehendes Holz. Mit jedem Stadium des Zerfalls entstehen neue Lebensräume. Pilze und Insekten zählen zu den wichtigsten Organismen, die Holz abbauen und seine Struktur verändern. Manche Arten besiedeln frisch abgestorbenes Holz, andere benötigen bereits morsche oder hohle Stämme. Spechte und andere höhlenbewohnende Vögel profitieren von zersetztem Holz ebenso wie zahlreiche Käfer, Holzwespen, Asseln, Spinnen oder Moose. Viele dieser Organismen sind spezialisiert und auf bestimmte Baumarten oder bestimmte Zerfallsstadien angewiesen. Ein einzelner Stamm kann dadurch unterschiedlichste Mikrohabitate beherbergen – trockene und besonnte Bereiche ebenso wie feuchte, schattige Nischen. Totholz zählt deshalb zu den artenreichsten Strukturen im Wald und trägt wesentlich zur biologischen Vielfalt bei. Auch für die Waldwirtschaft und den Naturschutz gewinnt Totholz zunehmend an Bedeutung. Lange Zeit galt abgestorbenes Holz vor allem als zu entfernendes Material; heute wird seine Rolle differenzierter betrachtet. Die Menge und Art des Totholzes beeinflussen Wasserspeicherung, Mikroklima und Lebensraumangebot eines Waldes. Zugleich zeigt die Forschung, dass bewirtschaftete und unbewirtschaftete Waldflächen unterschiedliche Funktionen erfüllen können und dass manche seltene Arten auf über Jahrzehnte vorhandene Totholzstrukturen angewiesen sind. Totholz steht damit exemplarisch für die Dynamik des Waldes: für Prozesse des Vergehens und Entstehens, die nicht getrennt voneinander betrachtet werden können, sondern gemeinsam das Funktionieren eines lebendigen Waldökosystems ermöglichen. Gestaltung: Lothar Bodingbauer

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