Im Gespräch Claudia Rapp, Byzantinistin
Fr, 05.06. | 16:05-17:00 | Ö1
Muße und Fokus zählen für sie zu den wichtigsten Eigenschaften einer Wissenschaftlerin. Schon in der Schule begeisterte sie sich für Altgriechisch und die Geschichte Ostroms. Später traf sie sich regelmäßig zu Debattierklubs auf Latein. Seither beschäftigt sich Claudia Rapp mit der Geschichte von Byzanz, jenem über eintausend Jahre bestehenden Imperium im östlichen Mittelmeerraum, das aus der Teilung des Römischen Reichs im Jahr 395 hervorging und bis zur Eroberung Konstantinopels durch die Osmanen im Jahr 1453 andauerte.Nach dem Studium in Berlin und Oxford arbeitete die gebürtige Deutsche Claudia Rapp fast 20 Jahre an der University of California in Los Angeles in den USA. 2011 folgte sie einem Ruf an die Universität Wien. Wien, meinte sie damals, sei für sie das „Schlaraffenland“ ihres Forschungsgebiets, wegen des wissenschaftlichen Umfelds einerseits und wegen des riesigen Schatzes an alten Handschriften in der Nationalbibliothek andererseits. Heute ist sie Professorin für Byzantinistik und Neogräzistik an der Universität Wien und leitet die Byzanzforschung am Institut für Mittelalterforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften.Interessiert hat sie schon immer „Geschichte von unten“, die Sozialgeschichte der Bevölkerung jenseits von Kaiserhof und Aristokratie. Als besonders aufschlussreiche Quelle dafür erwiesen sich byzantinische Gebetsbücher, genannt Euchologien. In diesen handschriftlichen Texten finden sich Gebete für verschiedenste Anlässe, die Einblicke in den Alltag der damaligen Gesellschaften geben. Da gibt es beispielsweise kurze Gebete zur Käseherstellung ebenso wie solche zum Fischen, für den ersten Schultag eines Kindes oder den Bau einer Kirche. Unter Rapps Leitung wurden circa 3.000 solcher Texte aufgearbeitet und in einer Datenbank erfasst. Modernste Techniken kamen bei der Untersuchung alter, wiederverwendeter Handschriften aus der Bibliothek des Katharinenklosters auf dem Sinai zum Einsatz: Die Byzantinistin konnte so die ursprünglichen, überschriebenen Texte wieder zugänglich machen, die in das 3. Jahrhundert unserer Zeitrechnung zurückreichen und in mehreren damals gängigen Sprachen verfasst sind.Seit 2023 ist Rapp Direktorin des vom Österreichischen Forschungsfonds geförderten Exzellenzclusters EurAsian Transformations, eines umfangreichen Forschungsprojekts, das sich mit 3.000 Jahren Kultur und Machtveränderungen in Eurasien beschäftigt. Es geht darin um das Entstehen und den Untergang von Imperien, um ökologische und wirtschaftliche Transformationen und, wie immer in Claudia Rapps Forschung, um die Vielfalt von Sprachen und Kulturen, um Mobilität und Migration. 2015 erhielt sie den Wittgenstein-Preis des FWF. Das damit verbundene Preisgeld floss in ein Projekt zur Untersuchung des kulturellen Austauschs in Europa und bis nach Asien zur Zeit des Byzantinischen Reichs.Sie lasse sich in ihrer Arbeit immer wieder auch von Gegenwartsthemen inspirieren, sagt Claudia Rapp – und zeigt umgekehrt, wie der historische Blick auf das Kommen und Vergehen von Kulturen, Dynastien und Weltreichen helfen kann, die Gegenwart einer sich neu ordnenden Welt besser zu verstehen. Ihre Forschung könnte daher gar nicht aktueller sein. Bei Im Gespräch erzählt sie auch davon, wie KI, beispielsweise beim Sichtbarmachen und Interpretieren alter Schriften, ihre Forschung verändert.
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