Zsömle ist weg (Folge 7 von 15) von László Krasznahorkai

Di, 09.06.  |  9:00-9:35  |  MDR Figaro
Stereo 
Nobelpreis für Literatur 2025:
Von László Krasznahorkai
(Erstsendung)

"Ich möchte Sie bitten, dass das, was Sie entdeckt haben, also dass es mich gibt und wir uns hier treffen, ein gut gehütetes Geheimnis bleibt, niemand, verstehen Sie, niemand darf wissen, wer ich bin und wo ich zu finden bin...",
sagt Onkel Józsi, denn so will er auch weiterhin genannt werden und nicht etwa König oder gar Majestät, sondern einfach "Onkel Józsi" - zumindest solange, bis er als legitimer Nachfolger des letzten ungarischen Königs anerkannt wird und auf dem Thron sitzt. Als Spross einer jahrhundertealten Adelslinie, die bis Dschingis Khan zurückreicht, gehört er seit Jahrzehnten genau dort hin. Und angeblich wurde er, József Kada und heute stolze 91 Jahre alt, bereits 1944 von dem damaligen Reichsverweser - einem Vertreter des Monarchen während einer Thronvakanz - gekrönt. Heimlich zwar, aber für ihn kein Grund an der Rechtmäßigkeit seines Anspruchs auf den ungarischen Thron zu verzichten..
Dabei hatte er doch eigentlich schon abgeschlossen mit seinem Leben; "Ich lege kein Holz mehr nach", heißt es gleich am Anfang der Geschichte. Da wohnt Józsi mit seinem Hund Zsömle außerhalb von Budapest in einem Dorf mit schrulligen Bewohnern. Doch nachdem eine Gruppe von Nationalisten und Monarchisten ihn aufgesucht haben und nun regelmäßig besuchen kommen, ist es mit der Ruhe vorbei. Und schnell wird klar: das ist nicht nur eine Schar ewig gestriger Spinner, denn die Monarchisten wünschen sich das Königreich zurück, erkennen weder die "sogenannte Demokratie" noch das Parlament an, sehen das Land dem Untergang geweiht und einige unter ihnen planen sogar einen Umsturz mit Waffengewalt. Doch davon hält Onkel Józsi nun erstmal gar nichts...
Wie bereits in früheren Werken entwirft Krasznahorkai eine Geschichte der Absurditäten, die an Kafka und Thomas Bernhard erinnern lässt - melancholisch und humorvoll zugleich.

László Krasznahorkai, 1954 in Gyula/Ungarn geboren, gilt als einer der innovativsten Schriftsteller Europas, dessen Romane "Satanstango" und "Melancholie des Widerstands" überall auf der Welt begeistert aufgenommen werden.
2015 wurde ihm der International Man Booker Prize verliehen; für seinen Roman "Baron Wenckheims Rückkehr" wurde er mit dem National Book Award 2019 for Translated Literature ausgezeichnet. 2021 erhielt er den Österreichischen Staatspreis für Europäische Literatur sowie 2024 den spanischen Literaturpreis Prix Formentor. 2025 wurde er mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet. Zuletzt erschienen der Roman "Herscht 07769" und "Zsömle ist weg". Heute lebt László Krasznahorkai in Triest, Italien.

Heike Flemming studierte in Leipzig, Wien und Budapest, lebt als freischaffende Übersetzerin in Berlin und hat 2014 über den ungarischen Gegenwartsroman promoviert. Zu den von ihr übersetzten Autoren zählen Péter Esterházy, Imre Kertész, Szilárd Borbély und László Krasznahorkai. 2010 erhielt sie den Brücke-Berlin-Preis, 2014 den Förderpreis zum Straelener Übersetzerpreis. 2021 wurde sie mit dem Hieronymusring der Heinrich-Maria-Ledig-Rowohlt-Stiftung ausgezeichnet.

Übersetzung: Heike Flemming
Regie: Steffen Moratz
Produktion: MDR/NDR 2026

Mitwirkende:
Walter Kreye

(28 Min.)

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