2019: Neue Staffel 6: Team Wallraff im TV und in der RTLMediathek

"Team Wallraff": "Hinter geschlossenen Türen – Undercover in Psychiatrien und Jugendhilfe" – Folge 1 aus Staffel 6

Folge 1 (EA: 18. 3. 2019) "Hinter geschlossenen Türen – Undercover in Psychiatrien und Jugendhilfe"

Für seine neueste Ausgabe geht das "Team Wallraff" Hinweisen von Zuschauern und ehemaligen Patienten auf untragbare Zustände in psychiatrischen Einrichtungen nach. Und tatsächlich: Bei ihren mehr als einjährigen Undercover-Recherchen erleben Reporter in mehreren Häusern zum Teil haarsträubende Missstände bei der Betreuung und Behandlung von Bewohnern.

Sie treffen auf verzweifelte und traumatisierte Menschen und können beobachten, dass das Personal oft an seine Grenzen kommt. Sie dokumentieren mehrfach Fälle von Überbelegung. Sie werden Zeuge, dass Betroffene auch aus disziplinarischen Gründen auf dem Flur schlafen müssen und erleben, wie einzelnen Patienten gegen ihren Willen heimlich Medikamente verabreicht werden. Auch die rechtlich zweifelhafte Methode der Fixierung von Patienten bekommen sie mehr als einmal mit. In einer Klinik äußern Betreuer den Verdacht, dass alte Menschen dort zum Teil mit möglicherweise falscher Diagnose festgehalten werden, weil Altenpflegeeinrichtungen fehlen und weil dies auch lukrativ sei. Und in einer Jugendhilfeeinrichtung stoßen sie auf einen sogenannten Deeskalationsraum, in dem Bewohner scheinbar weggesperrt und dabei nicht wie vorgeschrieben betreut werden. Die Einsätze führen die Reporter u. a. nach Frankfurt (Psychiatrie im Klinikum Frankfurt Höchst), Stuttgart (Furtbach-Krankenhaus), Berlin (Vivantes Klinikum Spandau) und in die Eifel (Case Projekt, Jugendhilfeeinrichtung in Wanderath).

Dabei scheint es, als habe "Team Wallraff" bei diesem heiklen Thema in ein Wespennest gestochen. Nie zuvor wurde die Redaktion im Vorfeld einer Sendung mit so vielen Abmahnungen und anderen juristischen Androhungen überzogen, um die Ausstrahlung der Reportage zu verhindern. Die Rechtsabteilung des Kölner Senders zählte bis zum Mittag des Ausstrahlungstages insgesamt 26 Eingaben! Davon unbeirrt, dokumentieren Günter Wallraff und sein Team am Montagabend eine beklemmende Reportage, die viele, auch grundsätzliche Fragen zum Umgang mit Patienten in psychiatrische Einrichtungen aufwirft.

Seit Jahren nehmen psychische Erkrankungen zu: sie sind mittlerweile die zweithäufigste Ursache für Krankschreibungen. In Deutschland sind 17,8 Millionen Erwachsene betroffen, also mehr als jeder vierte. Mehr als 800.000 Menschen lassen sich jährlich stationär in einer psychiatrischen Klinik behandeln. Doch wie werden sie dort behandelt? Patienten selbst berichten von teils traumatisierenden Erlebnissen dort.

Psychiatrie im Klinikum Frankfurt Höchst:

In der Psychiatrie im Klinikum Frankfurt Höchst etwa, so beschreiben es viele Betroffene im Internet, seien die Zustände mitunter menschenverachtend. Um sich selbst davon ein Bild zu machen, bewirbt sich "Team Wallraff"-Reporterin Stefanie Albrecht dort erfolgreich als Pflegepraktikantin und wird der Akutstation der Psychiatrie zugewiesen. Dort erlebt sie u. a., wie drei junge Männer mit Gurten fixiert in einem Bewachungsraum liegen und nur durch eine Glasscheibe von den Pflegern im Stationszimmer beobachtet werden. Eine Kollegin erklärt Stefanie Albrecht, dass die den fixierten Patienten eigentlich zustehende 1:1-Betreuung aus Personalmangel nicht möglich sei. Es gäbe einzelne Patienten, die je nach Verhalten bis zu acht Wochen lang fixiert würden. Wenige Monate nach dieser Undercover-Recherche urteilt das Bundesverfassungsgericht, dass die Fixierung an Armen, Beinen und Körper ein Eingriff in das Grundrecht auf Freiheit sei und nur als "letztes Mittel“ eingesetzt werden darf. Die Klinikleitung betont auf Anfrage: „Die gesetzlichen Auflagen zur 1:1- Betreuung gelten seit Juli 2018. Die gesetzlichen Vorgaben werden selbstverständlich beachtet, trotz des damit verbundenen hohen Personal- und Verwaltungsaufwandes.“

Bei einer Chefarzt-Visite erlebt die als Praktikantin getarnte Reporterin, wie Patienten mit ihren Fragen in aller Kürze abgespeist werden: Das Gespräch mit einem neuangekommenen depressiven Patienten etwa dauert exakt 16 Sekunden, während alle anderen Patienten und Angestellte drum herum stehen. Das Klinikum Frankfurt schreibt hierzu: „In den Visiten wird die Privatsphäre gewahrt. Der Patient bestimmt diesen Rahmen jedoch selbst.“

Furtbach-Krankenhaus, Stuttgart:

Reporter Torsten Misler bewirbt sich als Pflegepraktikant im Stuttgarter Furtbach-Krankenhaus. Er will den Hinweisen von Zuschauern nachgehen, wonach es dort Patienten geben solle, die hier möglicherweise nicht hingehören. In manchen Zimmern trifft er bei seinen Recherchen auf alte Menschen mit Diagnosen wie Demenz oder Psychose. Pfleger jedoch äußern gegenüber dem Reporter den Verdacht, dass die Menschen hier seien, weil sie keinen Pflegeheimplatz bekämen. Angesprochen auf die Patientin Maria L., eine 87-jährige Rentnerin, wird ein Pfleger sehr drastisch: "Ein Pflegeheim ist das hier. Nichts anderes. Kotzen könnte ich, echt. Die werden alle nur mit einer verkackten Psychose gesehen. Frau L. psychotisch? Wo ist die psychotisch?"

Dieses Zwischenparken älterer Menschen sei für die Psychiatrien zudem auch sehr lukrativ, meint ein anderer Pfleger: "Wissen sie, die 80- und die 90-Jährigen bringen Geld. Das ist das Problem. Deshalb machen sie das auch. Sie halten sie auch fest hier. Und das ohne wirklich psychiatrische Diagnose. Die werden aufgenommen und liegen dann Wochen und Monate in ihrem Bett." Die Stellungnahme der Krankenhausleitung dazu: „Die Behauptung, (…) wir (…) würden Patienten länger auf der Station behalten als erforderlich ist, müssen wir mit Nachdruck zurückweisen. (...) Außerdem gibt es den medizinischen Dienst der Krankenkassen, um eine mögliche Fehlbelegung zu überprüfen.“

Case Projekt, Jugendhilfeeinrichtung und Wohneinrichtung für Menschen mit psychischen Problemen in Wanderath in der Eifel:

Eine Mutter und ihr Sohn Justin melden sich bei Günter Wallraff und berichten später im Gespräch über schlimme Zustände in einer Wohngruppe für Jugendliche mit psychischen Problemen. Justin, der an ADHS litt, sagt, er sei während seiner Zeit in der Jugendhilfeeinrichtung in Wanderath in der Eifel zum Teil weggesperrt und gewürgt worden. Zudem sei er mit Medikamenten vollgepumpt worden. Im Falle der Verweigerung der Medikamente, so Justin, wurde ihm mit Essensentzug gedroht. Zudem, so Justin, habe er vier Monate lang auf dem Flur schlafen müssen. Auf Anfrage bestreitet das Case Projekt diese Bestrafungsmethoden. Der "Team Wallraff"-Reporterin, eine ausgebildete Diplom-Pädagogin, gelingt es nach einem Bewerbungsgespräch in Wanderath, als Betreuerin auf Probe angenommen zu werden, die sich um verhaltensauffällige Jugendliche kümmern soll. Eine erwachsene Bewohnerin erzählt ihr von einem Deeskalationsraum, in dem sie sich gebissen habe. Die Reporterin macht sich selbst ein Bild. Ihr Eindruck: Ein Raum ohne Tageslicht, ohne Toilette, und ohne Videoüberwachung. Nur durch ein Guckloch können die Betreuer bei geschlossener Tür kontrollieren, ob noch alles in Ordnung ist. Der heute 18-jährige Informant Justin erzählt Günter Wallraff, dass auch er mehrfach in diesem Raum gewesen sei. Der Raum sei schallisoliert gewesen. "Ich hätte mich auch auf gut Deutsch umbringen können, die (Betreuer, d. Red.) hätten das nicht mitbekommen", so Justin.

Die Einrichtungsleitung bestreitet auf Nachfrage, dass Jugendliche in diesem Raum eingesperrt werden. Er sei auch nicht schallisoliert. "Team Wallraff" recherchiert zu den sogenannten Time Out Maßnahmen weiter und bittet auch die aufsichtsführende Behörde um Stellungnahme. Die schreibt u. a.: „Im Jugendbereich ist weder ein solches Konzept dargestellt und beantragt noch ist ein Deeskalationsraum oder auch Time-out-Raum betriebserlaubt."

Um zu überprüfen, ob der rechtlich umstrittene Deeskalationsraum tatsächlich noch immer genutzt wird, recherchiert ein weiterer RTL-Reporter Philip als Praktikant Phil in der Einrichtung in der Eifel.

Schon am ersten Tag begleitet er einen Betreuer, der einem jungen Erwachsenen im Time Out-Raum sein Abendbrot bringt. Seit fünf Tagen hockt er im Keller, man sieht, dass die Tür abgeschlossen ist. Im Raum gibt es keine Toilette, kein Tageslicht und keine Notklingel – normale Gefängniszellen in Deutschland sind in der Regel besser ausgestattet.

Die Einrichtungsleitung antwortet auf eine Anfrage von "Team Wallraff", dass dieser Klient Ruhe suche und: „(...) diesen Raum zu diesem Zweck auf eigenen Wunsch über mehrere Tage immer wieder nutzt.“ Weiter heißt es: „Die Behauptung, dass Klienten ihre Notdurft in einen Eimer verrichten müssen ist falsch."

Nach dem Essen schließt der Betreuer den Raum vor den Augen des RTL-Reporters wieder ab, beide gehen gemeinsam wieder nach oben.

Dazu schreibt die Einrichtungsleitung, „(...) dass immer mindestens ein Mitarbeiter ununterbrochen unmittelbar bei dem Klienten ist und auf diesen achtet.“

Mehrere Tage lang kann der RTL-Reporter auch weitere Missstände in dieser Einrichtung dokumentieren. Dann, am 4. Tag seines Undercover-Einsatzes, fliegt er auf. Trotz einer Hotel-Durchsuchung und anschließender Beschlagnahme des Materials konnte "Team Wallraff" eine Teil der Aufnahmen zuvor sicherstellen. Anschließend wurde die Aufsichtsbehörde mit allen Vorwürfen gegen diese Einrichtung konfrontiert. Die hat inzwischen die Einrichtung um Stellungnahme zu den Rechercheergebnissen gebeten.

Vivantes Klinikum Spandau:

Hier bewirbt sich der RTL-Reporter Torsten Misler undercover, weil es Hinweise gab, dass hier nicht nur teilweise die Patienten, sondern auch das Personal unter den Zuständen leiden sollen. Ohne Vorstellungsgespräch kann er als Praktikant auf der Akut-Station anfangen. Misler stellt fest, dass in einigen Vierbettzimmern fünf Patienten untergebracht sind. Manche Kranke müssen sogar auf dem Flur schlafen. Vivantes schreibt dazu: „Die meisten Aufnahmen (...) erfolgen als Notfälle über die Rettungsstelle. Somit kommt es (...) immer wieder zu erheblichen Schwankungen in der Belegung.“

Der RTL-Reporter erlebt mehr als einmal, dass Patienten Medikamente unter das Essen gemischt werden, obwohl dies eigentlich so nicht erlaubt ist. Und er wird Zeuge, wie eine Patientin in die Irre geführt und ihr ein Medikament verabreicht wird, das sie nicht wollte: Tavor, das als Beruhigungsmittel eingesetzt wird und abhängig machen kann. Die Klinikleitung schreibt hierzu: "Medikamente werden grundsätzlich nur mit informierter Einwilligung an Patienten abgegeben."

Und auch das erfährt das Team Wallraff: Das Personal ist ebenfalls von den Zuständen in der Psychiatrie betroffen. Ein ehemaliger Betriebsratschef von Vivantes legt Günter Wallraff eine ganze Sammlung von Anzeigen vor, in denen das Pflegepersonal von Vivantes Überlastung, Überbelegung und Übergriffe durch Patienten dokumentiert.

Was braucht es, damit sich die Zustände in psychiatrischen Einrichtungen verbessern? Das hat Günter Wallraff Prof. Dr. Frank Ulrich Montgomery gefragt, den Präsidenten der Bundesärztekammer. "Wir müssen die Modernität der Kliniken verbessern, es gibt teils noch viele alte Gebäude, wir haben einen Investitionsstau von 30 Milliarden Euro. Zweitens muss man die Krankenhäuser ausreichend mit Ärzten ausstatten, Ärzte, die ihr Fach ausreichend verstehen. Wir haben echten Ärztemangel und importieren Ärzte aus anderen Ländern auch außerhalb der europäischen Union, da muss man sich manchmal fragen, ob es nicht besser wäre, wenn für so schwierige Bereiche mehr deutsche Ärzte zur Verfügung stehen. Und drittens man muss die Finanzierungsbedingungen ausreichend gestalten und im Moment hat dieses Land ausreichend Geld.“

Günther Wallraff. Bild: RTL

Missstände sichtbar machen, Menschen aufrütteln und Konsequenzen anstoßen. Diesem Motto bleibt "Team Wallraff - Reporter undercover" treu. Auch in dieser Ausgabe begeben sich Günter Wallraff und das Reporter-Team in Undercover-Recherchen.