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SUMMARY:"Vom Leben der Natur" auf Ö1
DESCRIPTION:Die Veredelung gehört zu den ältesten Kulturtechniken im Obst- und Weinbau. Bereits vor mehreren tausend Jahren wurden Pflanzen gezielt miteinander verbunden, um gewünschte Eigenschaften zu erhalten oder zu kombinieren. Dabei wächst der obere Teil einer Pflanze – das Edelreis der gewünschten Sorte – auf der Unterlage einer anderen Pflanze an. Entscheidend ist, dass beide Gewebe miteinander verwachsen und dauerhaft Wasser, Nährstoffe und Wachstumssignale austauschen können. Auf diese Weise entsteht keine genetisch neue Pflanze, sondern eine funktionale Verbindung zweier Partner mit unterschiedlichen Aufgaben.Im Obstbau dient die Veredelung vor allem der Sortenerhaltung. Viele Obstsorten lassen sich nicht sortenecht über Samen vermehren. Aus einem Apfelkern wächst nicht wieder dieselbe Sorte, sondern eine genetisch neue Pflanze mit unvorhersehbaren Eigenschaften. Durch Veredelung bleibt eine Sorte dagegen über Jahrhunderte erhalten. Zugleich beeinflusst die Unterlage das Wachstum des Baumes: Sie bestimmt mit, wie groß ein Baum wird, wann er Früchte trägt, wie tief er wurzelt oder wie gut er mit Trockenheit, Kalk oder bestimmten Böden zurechtkommt. Veredelung ist damit nicht nur Vermehrung, sondern auch gezielte Steuerung von Wuchs und Ertrag.Im Weinbau bekam die Veredelung im 19. Jahrhundert eine existenzielle Bedeutung. Mit aus Amerika eingeführten Reben gelangte die Reblaus nach Europa und bedrohte den gesamten europäischen Weinbau. Die Wurzeln der europäischen Rebe erwiesen sich als anfällig, während amerikanische Reben gegenüber der Reblaus widerstandsfähig waren. Die Lösung bestand darin, europäische Edelsorten auf amerikanische Unterlagen zu pfropfen. So konnten Geschmack und Sortencharakter der europäischen Reben erhalten bleiben, während die Wurzeln Schutz vor der Reblaus boten. Bis heute ist diese Technik Standard im Weinbau und in vielen Regionen gesetzlich vorgeschrieben.Was einst als handwerkliche Technik zur Sortenerhaltung begann, ist heute ein wichtiges Instrument zur Anpassung an neue Herausforderungen, etwa bei Trockenstress, veränderten Niederschlagsmustern oder neuen Krankheiten. Biologisches Wissen, praktische Erfahrung und langfristige Beobachtung wirken hier zusammen, um mit gärtnerischem Können Kulturpflanzen an sich wandelnde Umweltbedingungen anzupassen.Gestaltung: Lothar Bodingbauer
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